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Beobachtungen in der Straßenbahn

Bei Omi in Hamburg gibt es keine Straßenbahn, in Itzehoe bei Oma und Opa auch
nicht, aber bei uns in Hannover bimmelt sie durch die Straßen. Leider fahren wir nur
selten damit, sodass ich immer schon ein wenig nachhelfen muss.
„Mama, wann fahren wir mal wieder mit der Straßenbahn?“

„Na gut,“ sagte Mama neulich. „Weil wir heute in die City wollen und ich keine Lust
habe, lange nach einem Parkplatz zu suchen, fahren wir mit der Straßenbahn.“
„O prima!“ freute ich mich.

Straßenbahnfahren ist klasse! Da steigen dauernd Leute ein und aus und an jeder
Haltestelle bimmelt sie so schön. Ich beobachte immer alles genau.

„Guck mal, Mama, der Mann hat eine Glatze – wie Onkel Herbert!“
„Sprich nicht so laut!“ flüsterte Mama.
„Warum sprichst du so leise?“
Keine Antwort.
„Die Frau da ist aber alt!“
Damit auch klar war, wen ich meinte, zeigte ich mit dem Finger auf sie.
„Wir werden alle mal alt, du auch!“
„Aber doch nicht schon morgen?“
„Nein, es dauert noch eine Weile!“
„Mama, die Frau da vorne hat keine Hose an!“
Ich verstand nicht, warum viele Leute plötzlich so lachten und warum Mama ganz rot
wurde.
„Nein, die Dame trägt einen hübschen Rock!“
„Ist eine Dame auch eine Frau?“
„Na klar!“
„Die Dame hat aber keine Strümpfe an!“
„Ich habe heute mal Rock und Strumpfhose angezogen!“
Die Dame hatte sich zu uns umgedreht und lachte mich an.
„Du beobachtest aber genau, junger Mann. Wie heißt du denn?“
„Hubert, aber alle sagen Hubi zu mir, das darfst du auch!“
„Na fein, Hubi. Den Namen finde ich sehr hübsch. Tschüs, an der nächsten Haltestelle
muss ich aussteigen. Pass weiter so gut auf!“
„Wir steigen auch mit aus,“ sagte Mama schnell, „bevor noch mehr Peinlichkeiten
kommen.“

Mama und die Strumpfhosendame lachten; nur ich zog einen Flunsch. Ich wäre lieber
noch weitergefahren …

 

Kleinkindergeschichte von Renate Golpon omnilit
Die nebenstehende Geschichte,
eine Begebenheit in der Straßenbahn, ist eine recht kurze Erzählung, die sich keiner Kategorie von Erzähltexten zuordnen lässt.
Ich charakterisiere meine „Beobachtungen in der Straßenbahn“ als Alltagserzählung mit Anklängen an die Anekdote wegen der Situationskomik und Schlusspointe, die sich aus der typischen Unbefangenheit des kleinen Kindes und der hilflosen Reaktion der Mutter entwickeln.