Nächtliche Begegnung
Wir waren in einer fremden Stadt.
Nach der ausgelassenen Feier an diesem Abend hatten wir es alle eilig, in unser jeweiliges Hotel zurückzukommen.
Die erste Wegstrecke gingen wir noch gemeinsam. Aber allmählich bröckelten wir auseinander, bis ich schließlich nur noch allein übrig war.
Ich überlegte, ob ich eine Abkürzung nehmen sollte. Klar, dann wäre ich mindestens zehn Minuten früher im Hotel.
Also ging ich durch eine enge dunkle Straße mit alten Häusern rechts und links, alle groß und hoch. Niemand war weit und breit zu sehen.
Ich ging etwas schneller; denn es war mir nun doch recht mulmig zumute.
Da hörte ich Schritte hinter mir. Mein Herz begann zu rasen. Vorsichtig drehte ich mich um. Es war eine dunkle Gestalt, die ungefähr zwanzig Meter hinter mir ging, groß, breitschultrig, im langen dunklen Mantel – eindeutig ein Mann.
Ich ging noch schneller; der Mann hinter mir auch.
Lieber Himmel – was sollte ich nur tun?!
Kurzentschlossen steuerte ich das nächste Haus an und drückte auf die Türklinke. Die Tür ließ sich öffnen! Ich ging ins Haus und schloss
die Tür schnell hinter mir. Leider steckte kein Schlüssel im Schloss.
Ich hastete die Treppe hinauf. Da! Ein Flurfenster zur Straße!
Vorsichtig lugte ich hinaus. Der Mann stand etwa fünf Schritte vom Haus entfernt und schaute hinauf.
Mein Gott! Wenn er nun hinterher käme!
Voller Angst klingelte ich an der Wohnungstür auf der linken Seite.
Es öffnete niemand. Ich versuchte es rechts.
Bitte, bitte, seid zu Hause!
Mir fiel ein Stein vom Herzen: Die Tür ging auf!
Eine Frau mittleren Alters sah mich erstaunt an.
„Ich werde verfolgt!“ keuchte ich, „darf ich reinkommen?“
Die Frau guckte verständnislos, ließ mich aber in die Wohnung.
„Können Sie bitte abschließen und zusperren?“ bat ich.
Sie tat auch das.
„Kommen Sie doch ins Wohnzimmer!“
Obwohl ich so aufgeregt war, registrierte ich doch Einzelheiten. Mir fiel die gelbe, dreisitzige Couch mit Korbflechtgestell ins Auge.
An den Wänden hingen irrsinnig viele Bilder und Bastelarbeiten ...
„Nicht mein Geschmack!“ dachte ich, „aber irgendwie doch gemütlich, auf jeden Fall beruhigend.
Ich erzählte der Frau von meinem Erlebnis auf der Straße.
„Aber jetzt muss ich erst mal telefonieren!“
Ich kramte in meiner Tasche.
Mist! Es war kein Handy drin! Ich hatte eine andere Tasche genommen.
„Das ist doch kein Problem“, tröstete die nette Frau, „nehmen Sie mein Telefon.“
Zum Glück hatte ich die Telefonnummer des Hotels im Kopf. Von der Rezeption versuchte man, auf unser Zimmer durchzustellen.
Meine Enttäuschung war maßlos: Es meldete sich niemand!
„Ist doch nicht so schlimm,“ beruhigte mich meine unfreiwillige Gastgeberin.
„Dann versuchen Sie es eben später noch einmal!
Aber wissen Sie was – jetzt gehe ich mal ins Treppenhaus und schaue nach.“
„Nein!“ schrie ich auf.
„Ach was! Ich bin nicht ängstlich. Und wenn etwas passiert, rufen Sie einfach die Polizei.“
Sie war nicht zu halten, ging ins Treppenhaus und sah aus dem Fenster.
„Er steht noch immer da!“
Ich wagte mich jetzt auch raus und schaute auf die Straße.
„Na, wie ein Verbrecher sieht der nicht aus!“ hörte ich ihre Stimme wie von weitem.
„Wie soll deiner Meinung nach wohl ein Verbrecher aussehen?“ dachte ich,
sagte aber artig:
„Ja, Sie haben wohl recht. Ich war einfach ein bisschen überdreht.
Deshalb
werde ich Sie nicht länger belästigen und jetzt gehen.“
„Ich komme mit hinunter. Dann sind wir immerhin zu zweit.“
Wir gingen die Treppe hinab und öffneten mutig die Haustür.
Die Frau starrte auf den Mann, als hätte sie ein Phantom gesehen.
Das stand etwa drei Schritte von ihr entfernt.
Jetzt bewegte sich der Mann auf sie zu und zog etwas aus der Manteltasche …
Mir erstarrte das Blut in den Adern.
Ich wollte schreien, brachte aber keinen Ton hervor.
Und dann geschah es! Ich traute meinen Augen kaum:
Der Mann und die Frau lagen sich in den Armen!