Die ersten beiden Schulgeschichten sind mit freundlicher Genehmigung der Edition Heitere Poetik dem Geschenkbüchlein
„An unserer Schule ist was los!“ von Edzard Müller entnommen.
Schulgeschichten, aus Lehrersicht geschrieben:
A wie Albert-Schweitzer-Schule von Edzard Müller
S wie Seuche von Edzard Müller
Der Neue von Ferdinand Kirchhoff
Hokuspokus von Ferdinand Kirchhoff
Die Feuertaufe von Ferdinand Kirchhoff
Malzeit von Ferdinand Kirchhoff
Stilblüten aus Aufätzen von Schülerinnen und Schülern:
Echter Stilblütentee 1 von Ferdinand Kirchhoff
Echter Stilblütentee 2 von Ferdinand Kirchhoff
Der Neue
Niemand hatte ihn bisher gesehen und doch schwirrten die tollsten Gerüchte durch den Raum. Schielen sollte er und schwerhörig sein. Aber diese Annahme konnte wohl nur pennälerhaftem Wunschdenken entsprungen sein. Da mochte schon eher die Vermutung zutreffen, dass er besonders streng und pedantisch sei und alle anderen Lehrer an Länge und Volumen übertreffe.
Das Klingelzeichen war im ohrenbetäubenden Lärm, wie es sich für 13jährige Schüler gehört, untergegangen. Auch ich hatte es nicht vernommen, obwohl ich auf dem Platz in der ersten Reihe unmittelbar neben der Tür saß und mich ausnahmsweise einmal absolut still verhalten hatte. Vermutlich war ich gerade damit beschäftigt gewesen, meine Hausaufgabe für die übernächste Stunde zu komplettieren.
Plötzlich verspürte ich wie aus heiterem Schülerhimmel links und rechts auf meinen Wangen den wenig angenehm prickelnden Reiz äußerst heftig vibrierender Pranken, die mich augenblicklich in die finsterste akustische Dunkelkammer beförderten. Meine Trommelfelle sind – ! durchfuhr es mich, denn ich konnte „schlagartig“ den Lärm meiner Klassenkameraden auch nicht im Entferntesten mehr vernehmen. Das konnte unser neuer Mathe-Lehrer allerdings auch nicht mehr, denn sein – extra für etwas zu klein und schmächtig geratene Schulmeister – entwickelter Einstiegstrick hatte gewirkt. Er war vermutlich – wie es sich für einen guten Mathematiker gehört – exakt berechnet worden.
Zu seiner Ehrenrettung muss ich allerdings zugeben, dass er mir, seinem Unschuldsopfer, noch in derselben Stunde Wiedergutmachung zu leisten bereit war, obwohl ich mir damals einbildete, mich in Wahrheit an ihm gerächt zu haben. Das kam so:
Während er sich die Namen der nun mustergültig dasitzenden Mitschüler kommentarlos in sein noch jungfräuliches Zensurenbuch schrieb, hakte er bei mir ein: „K.?“ wiederholte er mit sicherlich nur vorgetäuschtem Interesse meinen Namen. „Sag mal, bist du mit dem großen Physiker Robert K. verwandt?“ Und obwohl ich bis dahin noch nichts von meinem so bedeutenden Namensvetter gehört hatte, antwortete ich prompt: „Ja, das stimmt. Er war der Bruder meines Großvaters!“
Zu meinem Erstaunen schien der Lehrer meine vom Zorn diktierte Lüge zu glauben, denn er behandelte mich fortan so, wie es dem Großneffen eines großen Naturwissenschaftlers (nicht unbedingt) gebührt.