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 „Hokuspokus“ von Ferdinand Kirchhoff   omnilit

Die ersten beiden Schulgeschichten sind mit freundlicher Genehmigung der Edition Heitere Poetik dem Geschenkbüchlein
„An unserer Schule ist was los!“ von Edzard Müller entnommen.


Schulgeschichten, aus Lehrersicht geschrieben:

A wie Albert-Schweitzer-Schule  von Edzard Müller

S wie Seuche  von Edzard Müller

Der Neue von Ferdinand Kirchhoff

Hokuspokus von Ferdinand Kirchhoff

Die Feuertaufe von Ferdinand Kirchhoff

Malzeit von Ferdinand Kirchhoff


Stilblüten aus Aufätzen von Schülerinnen und Schülern:

Echter Stilblütentee 1  von Ferdinand Kirchhoff

Echter Stilblütentee 2  von Ferdinand Kirchhoff

Hokuspokus

Ich hocke im dunklen Schrank, der direkt neben der Klassentür eingebaut ist, und warte gespannt auf das Kommen unseres Französischlehrers. Im Klassenzimmer herrscht lautlose Stille. Die Minuten schleichen wie Stunden dahin, aber nichts tut sich. Mir wird warm in der drückenden Enge meines selbst gewählten Gefängnisses. Lange halte ich das nicht mehr aus. Schon ertappe ich mich dabei, die Folterkammer verlassen zu wollen, da höre ich deutliches Türgeklapper. Na, endlich!

Nach der üblichen Begrüßungszeremonie – „Bonjour enfants!“ – „Bonjour monsieur!“ – geht es los. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Herrn B. am Lehrertisch Platz nehmen und das Klassenbuch aufschlagen, um die Eintragungen zu kontrollieren und die Anwesenheit der Schüler zu überprüfen. Es dauert nicht lange, dann wird es Ernst: Vokabeln, Vokabeln, Vokabeln! Eine Zeit lang höre ich mir das Hin und Her da draußen an, dann fasse ich mir ein Herz und klopfe mehrmals kräftig gegen die Tür. Fehlanzeige! Die Vokabeln purzeln weiter durch den Klassenraum. Doch da vernehme ich die Stimme meines Freundes Uli: „Herr B., es hat geklopft!“ – „Wirklich? Na, dann sieh mal nach!“ Türgeknarre. Pause. „Niemand da, Herr B.!“ – „Na, also, ich habe auch nichts gehört!“ Weiter geht 's. Kurz darauf erneutes Geklopfe. Dieses Mal aber wesentlich stürmischer. „Guck nach, Ulrich!“ Aha, er hat es gehört! Bald schon vernehme ich Ulis Stimme: „Wieder nichts, Herr B.!“ – „Merkwürdig! Du hättest den Flur ein Stück entlang laufen sollen, dann . . .!“ Weiter kommt er nicht, denn der Störenfried meldet sich zum dritten Mal.
„Den werde ich erwischen, der wird . . .!“ Und schon ist der Meister draußen. Genau so schnell habe auch ich die Tür vor mir geöffnet und hinter mir wieder lautlos geschlossen. Bevor Herr B. keuchend die Klasse betritt, habe ich, befreit aufatmend, auf meinem angenehm kühlen Stuhl Platz genommen.

Der Unterricht wird fortgesetzt und geht zu Ende, ohne dass unser Lehrer die inneren und äußeren Vorgänge durchschaut hätte. Aber irgendwie war er nachdenklicher geworden, und als er mich beim Verlassen des Klassenzimmers erblickte, stutzte er: „Wo kommst du denn her? Ich habe dich doch zu Unterrichtsbeginn als fehlend eingetragen. Das gibt’s doch nicht!“ – „Aber, Herr B., ich war die ganze Stunde hier in der Klasse. Sie müssen mich übersehen haben. Ich kann Ihnen den Unterrichtsverlauf genauestens schildern, vom Vokabelabfragen bis zur Besprechung der 13.Lektion, wobei wir ja leider dreimal durch lautes Klopfen an der Tür unterbrochen wurden.“ – „Dass man sich so täuschen kann nein, nein! Wie ist so etwas nur möglich? Ja, dann muss ich die Fehleintragung im Klassenbuch wohl streichen!“ Sprach ’s und zog seinen Füllfederhalter.

Das Mordsgejohle auf dem Schulhof fand ich dann doch etwas übertrieben, denn irgendwie tat mir der an Gott und der Welt zu zweifeln scheinende Herr B. schon wieder Leid.