Die ersten beiden Schulgeschichten sind mit freundlicher Genehmigung der Edition Heitere Poetik dem Geschenkbüchlein
„An unserer Schule ist was los!“ von Edzard Müller entnommen.
Schulgeschichten, aus Lehrersicht geschrieben:
A wie Albert-Schweitzer-Schule von Edzard Müller
S wie Seuche von Edzard Müller
Der Neue von Ferdinand Kirchhoff
Hokuspokus von Ferdinand Kirchhoff
Die Feuertaufe von Ferdinand Kirchhoff (Als der Autor noch Schüler war)
Malzeit von Ferdinand Kirchhoff
Stilblüten aus Aufätzen von Schülerinnen und Schülern:
Echter Stilblütentee 1 von Ferdinand Kirchhoff
Echter Stilblütentee 2 von Ferdinand Kirchhoff
Die Feuertaufe
IÜber das allgemein übliche Auswendiglernen von verbindlichen Texten hinaus mussten wir damals im Deutschunterricht an jedem Dienstag ein selbstgewähltes Gedicht von – für angehende Primaner – entsprechender Länge und Schwere vortragen. Ich hatte mir dabei manche gute Zensur erstritten, da ich mit meinen sechzehn Lenzen nicht nur ein kräftiges Sprechorgan besaß, sondern mir auch immer die richtigen Gedichte für einen „zündenden'' Vortrag ausgesucht hatte.
Eines Tages fasste ich aus mir heute nicht mehr bekannten Gründen – vielleicht hatte ich kein anderes gelernt und befand mich in einer Notlage – den Entschluss, ein von mir erst vor kurzer Zeit in „schillerndem'' Pathos verfasstes sechsstrophiges Gedicht einer kühnen Bewährungsprobe zu unterziehen.
Und tatsächlich rief der Herr Oberstudienrat mich an jenem Morgen auf. Ich ging, leicht klopfenden Herzens, nach vorn und nahm auf dem Podest Aufstellung. Zunächst musste ich Verfasser und Titel des gelernten Gedichtes angeben, worüber der Meister immer genauestens Buch führte, weil die Herren Schüler allzu leicht vergessen haben könnten, dass sie dieses oder jenes Gedicht schon einmal mit oder ohne Erfolg vorgetragen hatten. Als Titel nannte ich „Bergsteigers Heimat'', musste dann allerdings mit tiefstem Bedauern bekennen, dass ich den Namen des Autors nicht hätte feststellen können. Das schien wohl nicht allzu tragisch zu sein. Vielleicht war ihm als Experten das Gedicht ja bekannt, oder er hoffte, es in einer Gedichtsammlung seiner Privatbibliothek entdecken zu können, wer weiß? Dann konnte er diese ihn sicher störende Lücke ja noch nachträglich schließen. Jedenfalls forderte er mich sichtlicht gelassen auf, mit meinem Vortrag zu beginnen.
Das tat ich dann auch, allerdings ohne ein beklemmendes Gefühl, wie es sich kurz vor dem Erhängtwerden einzustellen pflegt, recht los zu werden. Doch ich biss mich durch, wagte aber während des ganzen Vortrages nicht, einen scheuen, prüfenden Blick auf den zu meiner Rechten sitzenden Lehrer zu werfen, noch meinen selbstverständlich uneingeweihten Klassenkameraden in die Augen zu blicken. Unbeweglich starrte ich auf das mir gegenüber hängende Bild. Irgendwelche Gedanken konnte ich mir in diesen wenigen Minuten nicht machen, sonst hätte ich mir vielleicht vorgestellt, wie furchtbar es sein müsste, wenn mich jemand durch Lachen oder andere Missfallensäußerungen unterbrechen würde. Aber nichts dergleichen ereignete sich. Ohne jeden Zwischenfall konnte ich das Gedicht mit der letzten der sechs Strophen abschließen:
Und wird einst mein Leben von Gott mir genommen
und muss ich hinüberwandern zur ewigen Ruh,
dann möcht’ ich ein Grab im Gebirge bekommen,
dann deckt mich mit Schnee und mit Edelweiß zu,
damit der Abschied mir leichter wird
von meinen geliebten Bergen.
Und dann erwartete ich mutig das Urteil. Was würde Herr B. zum Gedicht sagen? Welche Note würde er mir geben? Ich brauchte nicht lange zu warten, da ertönte schon seine markante Stimme. O, er hätte leise sprechen können, flüstern hätte er dürfen, nicht ein Wort, nicht ein einziger Laut wäre mir entgangen, so sehr hatte ich meine Wahrnehmungssinne auf ihn ausgerichtet.
Die paar Worte, die er sagte, waren mehr oder weniger belanglos; dennoch war ich glücklich, denn er hatte nichts Negatives über das Gedicht, über seine Qualität und über meinen Vortrag geäußert. Was störte es mich da noch, wenn er mit der Quantität nicht zufrieden war, indem er mir am Schluss seiner recht positiven Beurteilung vorhielt: „Ansonsten war 's ein bisschen zu kurz, hätte etwas länger sein können!''
Meine aus dem Gefühl der Erleichterung, vielleicht sogar eines in mir aufkommenden Übermuts, resultierende Antwort: „Das ist nicht die Schuld des Vortragenden, sondern die des Verfassers!'' konterte er mit der von bester Menschenkenntnis geprägten Bemerkung: „Dann sucht man sich eben gleich ein längeres Gedicht aus und wählt nicht aus lauter Bequemlichkeit immer die kürzesten! Oder bildest du dir etwa ein, dass der Autor dieses Gedicht extra für dich geschrieben hätte?''