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 „Die Feuertaufe“ von Ferdinand Kirchhoff   omnilit

Die ersten beiden Schulgeschichten sind mit freundlicher Genehmigung der Edition Heitere Poetik dem Geschenkbüchlein
„An unserer Schule ist was los!“ von Edzard Müller entnommen.

 

Schulgeschichten, aus Lehrersicht geschrieben:

A wie Albert-Schweitzer-Schule  von Edzard Müller

S wie Seuche  von Edzard Müller

Der Neue von Ferdinand Kirchhoff

Hokuspokus von Ferdinand Kirchhoff

Die Feuertaufe von Ferdinand Kirchhoff

Malzeit von Ferdinand Kirchhoff


Stilblüten aus Aufätzen von Schülerinnen und Schülern:

Echter Stilblütentee 1  von Ferdinand Kirchhoff

Echter Stilblütentee 2  von Ferdinand Kirchhoff


Malzeit

Zwanzig Augenpaare sind auf mich gerichtet. Auf mich, der ich als junger Lehrer erst seit kurzer Zeit hier an der Schule tätig bin. Sonderbar, diese sonst so freundlich dreinblickenden jungen Damen der Abiturientenklasse fixieren mich unablässig in geradezu aufdringlicher Weise.
Was soll das bedeuten?
Nur nicht unsicher werden, weitermachen, so, als merktest du es nicht!

Und es gelingt mir tatsächlich, meinen Geschichtsunterricht nahezu unbekümmert fortzusetzen. Joseph II., der Sohn Maria Theresias,
der immer den zweiten Schritt vor dem ersten machte, soll gerade wegen seiner übereifrigen Reformversuche kritisch unter die Lupe genommen werden, da sehe ich plötzlich, dass die kleine, kesse Irmgard, die links vor mir am Mittelgang ihren Platz hat, einen Taschenspiegel und einen Lippenstift hervorholt und seelenruhig
eine üppige Lippen-Runderneuerungs-Demonstration einleitet.

Das also ist des Pudels Kern! schießt es mir durch den Kopf,
während mich die Blicke aus den 19 verbliebenen Augenpaaren zu durchbohren scheinen. Ohne mich aus der Ruhe bringen zu lassen, gehe ich die eineinhalb Meter mit dem Rücken zur Tafel zurück, wobei die linke Hand unauffällig nach hinten ausgestreckt ist. Dann schreite ich mit „Joseph II. auf den Lippen“ langsam auf den Mittelgang zu.
Bei der kleinen, kessen Malerin angelangt, strecke ich meinen linken Arm aus und reiche ihr – meinen „Joseph“ fallen lassend – mit den Worten: „Damit es nicht so eintönig aussehen muss!“ ein paar Kreidestücke in Blau, Gelb und Grün.

Der Bann ist gebrochen! Alle lachen – bis auf eine.
Aber die wartet wohl nur ab, bis die ihr von den kessen Lippen ins Gesicht geschossene Röte wieder verschwunden ist.