Die Kurzgeschichte im Deutschunterricht
Vielleicht erinnern Sie sich an den Deutschunterricht, den Sie in der Sekundar-
oder
Studienstufe erlebt haben. Wenn es um das Interpretieren ging, war es der
C. Bange
Verlag in Hollfeld, der konsultiert wurde wegen seiner Lernhilfen – und das gilt auch
heute noch – nunmehr seit mehr als 130 Jahren nach Verlagsgründung. Der um 1980 hierin aktivste Autor war Dr. Edgar Neis, dessen
Hilfen von uns Lernenden gerne in Anspruch genommen wurden, weil sie preiswert waren und
verständlich geschrieben.
Hier für die Kurzgeschichte ein Zitat aus „Wie interpretiere ich Gedichte und Kurzgeschichten“, Hollfeld, 1975,
„Die
Technik der Darstellung“:
Unvermittelte Einleitung, die sofort „in medias res“ führt
und die Situation aufreißt
Rückblende und Vorausdeutung
Methode der Bewusstseinsspiegelung
Aneinanderreihung
einzelner Situationen oder Bilder
Lineare Darstellung
Aufsplitterung und Zusammenfügung (Montage)
Wechsel der Perspektive (Blickrichtung)
Gegliederter Ablauf des
Geschehens
Kontrastwirkung: Aufeinanderstoßen der Gegenkräfte
Zwei- bis Vierteiligkeit des Aufbaus mit alternierend positiven und negativen Handlungselementen
Häufige
Schemata:
– + + – ; + – – + ; – + – + ; + – + – ; – – + + ; + + – – .
Verkürzung der Erzählstruktur durch Beschränkung auf das unbedingt Notwendige
Sparsamkeit der Darstellung
Überwiegend konkreter Wortschatz mit hintergründiger
Bedeutung
Verhältnismäßig wenig schmückende Beiwörter oder lyrische Elemente
Reportage: einfacher, gleichförmiger Satzbau, Fügung kurzer Sätze, Dingsprache
Sprechsprache des Alltags, aber Doppelbödigkeit des Geschehens
Häufige Verwendung von Leitworten, Kernworten, Zeichen, Chiffren, Symbolen, die leitmotivartig wiederkehren, Sinnlich-Konkretes darstellen und Übersinnlich-Abstraktes meinen
Gebrauch von Vergleichen, Metaphern, Bildern, Sinnbildern; Verwendung von Lautmalerei, Lautsymbolik
„Absoluter Funktionalismus“: Ordnung aller Aussagen und Einzel-
worte auf den Sinn des Ganzen hin (Stellenwert der Aussage, Konstellation und
Relation der Zeichen und Symbole)
Vorliebe für überspitzte Formulierungen, Erzeugung von
Spannungen
Zuspitzung des Handlungsablaufs oder der Erzählungsführung auf eine
unvermittelte Pointe hin
Offener Schluss: unerwartet, unbestimmt, vieldeutig
Geschlossene Bauform mit notwendig sich ergebender Schlussfolgerung
Eine kurze Erzählung oder Geschichte ist noch keine Kurzgeschichte. Erst bestimmte Kennzeichen (Kriterien) machen sie dazu.
Die Kurzgeschichte ähnelt der Novelle, aber sie ist kürzer und nicht so hochliterarisch, so volkommen, so komplex. Und ihr Schluss ist auch nicht so schön abgerundet wie
bei der Novelle.
Die Kurzgeschichten präsentieren im Gegensatz zu Novellen eine Momentaufnahme, eine außergewöhnliche Situation, einen entscheidenden Lebensausschnitt, der manchmal sogar in einen Lebensbruch mündet.
Schon mit dem ersten Satz der Kurzgeschichte ist man als Leser(in) übergangslos drin im Geschehen, das linear, also ohne Neben- oder Gegenhandlungen, spannungsgeladen emotional, oft nur bruchstückhaft andeutend, fortgeführt wird bis zum unerwarteten offenen Schluss.
Letzteres heißt: ohne die erwartete Aufklärung!
Diese überraschende Situation, im Extremfall der Schock, zwingt uns Leser(innen) zum Weiter-und-zu-Ende-Denken, letztendlich zu Mutmaßungen, die in unserer Gedankenwelt eine Fortsetzungsgeschichte provozieren.
Die handelnden Personen sind in der Regel durchschnittliche Menschen im alltäglichen Milieu, die zufällig schicksalhaft in die Grenzsituation hineingeraten sind und zum Reagieren gezwungen werden. Diese durchlebte Wirklichkeit wird mit andeutenden, knappen Worten – durchweg in wörtlicher Rede – oft verfremdet, übersteigert und doppeldeutig erzählt.
Trotz der meist lapidaren Erzählweise bieten sich den Schreibenden aber die unterschiedlichsten Inszenierungen an, von der realistischen Reportage bis zur bizarren Phantastik oder bis zum wunderbaren Mysterium.